16. Februar 1962 Freitag
Moin, moin – Sturmflut auf der Elbe
Moin moin, mein Name ist Tetje. Ich bin 28 Jahre alt, Schuten-Kapitän und lebe auf der Elbinsel Waltershof in Hamburg.
Weiterlesen: Hamburger Sturmflut 1962Ich bin der jüngste Schuten-Kapitän auf der Elbe und habe meine eigene Schute. Fiete, mein einziger Angestellter, hatte eine kleine Kammer an Bord und lebte dort. Das passte mir ganz gut – denn hin und wieder suchen Betrunkene einen Schlafplatz, und da war’s besser, wenn jemand aufpasste.
Fiete und ich fingen am 16. Februar morgens um 5 Uhr an, die erste Fracht zu liefern. Es war ein stürmischer Morgen, und wir merkten, dass das Wasser über den Tag hinweg immer höher stieg und der Wind zunahm. Aber das war im Hamburger Winter nichts Ungewöhnliches – wir machten uns keinen Kopp und lieferten, was zu liefern war: Kohle, Sand, Schrott. Feierabend war, wenn nix mehr zum Liefern da war. So verhielt es sich.
Aber nicht an diesem Freitag.
Ab dem späten Nachmittag entwickelte sich das Ganze zu einem echten Orkan. Um 17:30 sagte ich zu Fiete:
„Nee, mien Jung, heute gehen wir früher zurück in’n Hafen. Das ist kein Elbwasser mehr – das is Nordsee auf Koks.“
Der Wind kam aus Nordwest und drückte die Nordseefluten direkt in die Elbe. Gesagt, getan: Wir machten die Schute fest, und ich übergab das Kommando der Schute Else an Fiete. Er hatte 45 Jahre Elb-Erfahrung und wusste, was zu tun ist. Ich vertraute ihm blind.
Ich wollte nur noch nach Hause, um zu sehen, ob bei uns alles in Ordnung war – denn über Funk hatte man schon einiges gehört. Ich hatte keine Ruhe mehr im Bauch.
Ich wollte nur noch nach Hause – nach Waltershof.
Normalerweise wär ich mit’m Rad durch den Hafen gedüst, vielleicht über die Rethebrücke oder die alte Zollstraße. Gute acht Kilometer, das schafft man mit einem ordentlichen Tritt in die Pedale.
Aber an diesem Abend? Keine Chance.
Der Wind riss mir fast den Schnorres vom Gesicht. Überall standen die Straßen unter Wasser, ich sah ein Kran der sich um sich selber drehte da wurde mir klar, das wird kein normaler Sturm. Ich stapfte los, Schritt für Schritt, durch Matsch, Gischt und Sirenengeheul. Waltershof schien plötzlich verdammt weit weg.
Vor mir ging eine ältere Frau, plötzlich hob der Sturm sie buchstäblich an – es sah aus, als würde er sie wie ein altes Taschentuch durch die Luft tragen, ein paar Meter weiter wieder absetzen, und zack, sie fiel um.
Ich rannte hin, half ihr hoch. Das Wasser stand uns mittlerweile bis zu den Knöcheln.
„Wo müssen Sie hin?“, fragte ich.
„Alte Zollstraße“, keuchte sie, „ich muss zu meinen Kindern…“
Ich hakte mich bei ihr unter, und wir kämpften uns Schritt für Schritt vorwärts, gegen den Sturm. Aber ich merkte schnell: Das schaffen wir so nicht. Der Wind wurde stärker, das Wasser höher, und sie wurde mit jedem Schritt schwächer.
Dann – wie aus dem Nichts – kam ein Unimog angerollt, Scheinwerfer wie zwei Augen aus einer anderen Welt. Er sah uns, bremste, und hielt direkt neben uns.
„Wo wollt ihr denn noch hin?“, brüllte der Fahrer durch den Wind.
„Die Dame muss zur alten Zollstraße, ich nach Waltershof!“, rief ich zurück.
Er grinste nur, öffnete die Tür.
„Dann springt rein – ich muss auch nach Waltershof.“
im Unimog durch die Hamburger Flut
Wir saßen im Unimog – sicher und warm. Der Regen peitschte gegen die Scheiben, die Scheibenwischer kamen kaum hinterher. Das Wasser stieg weiter, und der Sturm rüttelte uns durch wie ein Spielzeug im Planschbecken.
Der Unimog war zwar hoch gebaut, aber dadurch auch ziemlich windanfällig. Jede Böe schüttelte uns ordentlich durch.
Frau Kabel klammerte sich an meinen Arm. Ich merkte, dass sie Angst hatte.
Ich redete beruhigend auf sie ein:
„Alles wird gut. Wenn Sie erstmal bei Ihren Kindern sind, sieht die Welt wieder anders aus.“
Etwa fünf Kilometer kämpften wir uns durch überflutete Straßen, vorbei an schwimmenden Ölfässern, umgestürzten Containern, Autowracks und Gerümpel. Alles wirkte plötzlich so verloren.
Dann erreichten wir die alte Zollstraße.
Frau Kabel dirigierte uns zu ihrem Haus – ein altes Mehrfamilienhaus mit vier Stockwerken. Im Fenster im dritten Stock standen Kinder und warteten, ihre Gesichter blass im Licht. Sie hatten uns schon gesehen.
„Was wollen Sie jetzt tun, Frau Kabel?“, fragte ich, als der Unimog zum stehen kam.
„Ich gehe jetzt zu meinen Kindern. Wir werden uns auf dem Dachboden einrichten“, sagte sie entschlossen.
„Sollen wir Ihnen helfen?“
„Nein, Sie müssen auch nach Hause. Mein Ältester, der Hein, hilft mir. Sehen Sie da oben – da steht er am Fenster und winkt.“
Sie sah mich an, nahm noch einmal meine Hand, und ihre Stimme zitterte ein wenig:
„Gott schütze Sie – und Ihre Familie. Ohne Sie wär ich nicht hier angekommen.“
Wir stiegen aus. Ich begleitete sie noch bis zum Treppenhaus. Der Eingang stand schon knietief unter Wasser. Ich sah ihr nach, wie sie langsam, Schritt für Schritt, im Flur verschwand
